Herbstmusik

Heute Sonntagmorgen bin ich in guter Stimmung, obwohl es regnet und Nebelschwaden eine klare Sicht aus dem Fenster verunmöglichen. Ich hatte guten Fairtrade-Kaffee (vom Claro-Laden in Möriken), Zopf (von unserem Mellinger Bäcker Häntze) und Aprikosenkonfitüre (selbstgemacht von Christian). Während unseres Frühstücks haben wir im Radio zum Reformationssonntag Bachkantaten gehört. Wir haben uns vorgenommen, öfter Musik zu hören. Mehrmals pro Tag schlechte Nachrichten aus aller Welt tut uns einfach nicht gut. Einmal pro Tag sich zu informieren würde genügen. Doch Nachrichten haben im Moment eine intensive Sogwirkung auf mich und ich kann mich ihnen fast nicht entziehen. Überall tauchen sie automatisch auf, vor allem auch in den sozialen Medien, und ich brauche eine willentliche Entscheidung, etwas Anderes zu machen.

Gestern stellten wir fest, dass wir viele unserer CDs schon lange nicht mehr gehört haben. Wir haben uns vorgenommen, pro Tag mindestens eine CD mit klassischer Musik zu hören. Gestern haben wir «Die vier Jahreszeiten» von Antonio Vivaldi aufgelegt. Das war sehr wohltuend, viele Stellen waren mir bekannt und ich möchte sie heute nochmals hören. Ich habe die Jahreszeiten in diesem Jahr auch in der Natur ganz bewusst wahrgenommen. Schon der Frühling während des Lockdowns war eine Offenbarung. War der Herbst schon immer so schön bunt und leuchtend wie er jetzt gerade ist?

Ich habe den Herbst auch als Kind ganz intensiv erlebt. Ich verbrachte die Herbstferien immer bei meiner Gotte auf der Abendsmatt, einem riesigen alten Haus mit Gästezimmern und Bauernhof. Das war ein Paradies. Ich bekam ein kleines Dachzimmer für mich, wo ich direkt in den Himmel sehen und die Wolken beobachten konnte. Es gab damals noch keine Handys und keine Computer. Meine Gotte hatte auch keinen Fernseher. Es gab Radio und einen Plattenspieler. Wir wurden am Sonntag mit klassischer Musik geweckt. Abends sassen wir in der grossen Stube mit Kachelofen. Wir haben geplaudert, auch gesungen, gespielt, es wurde vorgelesen, ein Tee getrunken, Handarbeiten gemacht und ein Bettmümpfeli verspeist. Es war einfach durch und durch gemütlich. Ich half auch in der Küche und wurde als «Fräulein Schneckenburger» bekannt, weil ich mit Begeisterung Schnecken aus Zopfteig formte. Ich rannte draussen herum, fand tolle Verstecke und half beim «Durlips» (Futterrübe) ernten.

So ein Cocktail an Sinneswahrnehmungen tut mir auch in dieser Pandemiezeit am besten. Oft bin ich aber blockiert, male mir voller Angst aus, was alles noch passieren könnte. Wenigstens kann ich als Fortschritt meine Gefühle von aussen beobachten und bin ihnen nicht vollständig ausgeliefert. Ich habe zum Beispiel ganz unterschiedliche Gefühle in einem Gespräch erlebt, als mir jemand von einem besonders schlimmen Corona-Fall erzählt hat. Es hat sich alles in mir zusammengezogen, Angst hat mir die Luft abgeschnürt und musste mir grosse Mühe geben, ruhig weiterzuatmen. Im gleichen Gespräch kamen wir auf die Liebe zu sprechen, in grösserem Zusammenhang und auch über den Tod hinaus. Es wurde weit, hell und warm in mir.

Die Herbstblätter auf dem Bild des Blogs wurden von einer jungen Frau aus Kanada gemalt und mir als Karte geschickt. Postcrossing bedeutet ihr wie auch mir sehr viel. Besonders wenn man noch selber zeichnet, von Hand schreibt und in den Postkarten herumwühlt, ist es auch ein sinnliches Erlebnis. Auch die Freude, mehrmals pro Tag zum Briefkasten zu gehen – meist kommt die Post bei uns erst nach 15 Uhr, aber vielleicht ist sie gerade heute doch früher. Diese junge Frau mit kleinen Kindern hat mir geschrieben, dass sie sehr unter der Pandemie leidet, sich isoliert fühlt und von ihrem normalen Support System abgeschnitten ist. Sie hat aber gemerkt, dass sie sich weniger deprimiert fühlt, wenn sie anderen eine Freude machen kann. Die Isolation trifft also nicht nur die Rentner. Ich habe mich sehr über die Karte gefreut.

Zum Schluss möchte ich noch das neueste Buch von Sibyl Schreiber und Steven Schneider empfehlen, das ich kürzlich gelesen habe. Es heisst «Nun sag, wie hast du’s mit der Liebe?» Das Buch kann ich nur empfehlen, weil ich vor dem Lesen nicht wusste wie unterschiedlich man Liebe auffassen kann. Es ist kein gekünsteltes oder moralisches Buch sondern authentisches Leben mit all seinen Facetten.

Wie geht es euch? Welche Musik oder auch Sinneswahrnehmungen könnt ihr empfehlen? Bleiben wir doch im Kontakt – und danke, dass es euch gibt.

6 Gedanken zu „Herbstmusik

  1. Wilhelm Hanna

    Liebe Rosmarie,

    ich danke dir ganz herzlich für deine wertvollen und guten Gedanken, die einfach gut tun, in einer Zeit, in der so vieles nicht möglich ist oder nur anders mögllich ist.
    Auch ich höre viel Musik. Meist klassig, Jazz oder Taize-Lieder (diese summe oder singe ich oft mit)
    Und ich laufe in der bunten Natur, wenn mir die Zeit reicht. Was mir am Meisten zu schaffen gemacht hat, dass wir unsere Tage in Interlaken nicht durchführen können. Nächste Woche wäre es soweit!
    Aber wir werden auf jeden Fall diese Tage wieder gestalten und auch mit dem gleichen Thema. Vielleicht sogar schon im Frühjahr!? Wir haben uns als Team auf euch alle gefreut.
    Ich wünsche dir und Christian eine gute Zeit und freue mich immer, von dir zu hören!
    Und bleibt gesund und behütet!
    Liebe Grüsse,
    Hanna

  2. Therese Richner

    Liebe Rosemarie
    Danke für deine Gedanken. Ja, schöne Musik finde ich auch wohltuend. Es ist wichtig in dieser Zeit gut zu uns selber zu schauen. Kerzen, Musik und ermutigende Kontakte sind da sicher hilfreich.
    En liebe Gruess
    Therese

  3. Margrit Friedli

    Liebe Rosmarie
    Danke ganz herzlich für deine soo wertvollen Gedanken, Gefühle, an denen du uns teilhaben lässt.
    Gestern, bevor ich deine Nachricht entdeckt hatte, habe ich meine CDs durchsucht und für mich ganz leise Meditationsmusik gelauscht. Eigentlich wollte ich einen Allerheiligen Gottesdienst besuchen, dann auf dem Friedhof Kerzen auf den Gräbern anzünden und dort an alle meine lieben Verstorbenen denken. Dieses Jahr ist alles anders. Meine Kerzen leuchten nun halt auf meinem Balkon.
    Was die Zukunft uns bringen wird ? Niemand weiss es ?
    Wir müssen uns immer wieder kleine Oasen des Glücks einrichten. Für mich sind auch Kerzenlicht, Musik, stille Momente, ein gutes Buch solche Lichtpunkte.
    Ich wünsche dir und allen ganz viel Licht und Kraft in die dunkle Zeit, Hoffnung und Vertrauen und Gesundheit. Mit lieben Grüssen
    Margrit

  4. sybil

    Liebe Rosemarie, Veronika und Petra

    Es duftet und klingt aus euren Texten, bin sehr berührt und freu mich auch unbändig, euch alle mal wieder zu sehenhören! Danke dir, liebe Rosemarie, dass du unser Buch so warm in deinen Blog verwoben hast. Freut uns sehrsehr! Nun wünsche ich euch allen einen sanften Start in die Woche. Eure Sybil

  5. Veronika Koch

    Liebe Rosemarie

    Danke, dass du deine Gefühle mit uns teilst. Es ist so wunderschön, dass du das kannst und uns an deinen Freuden und Ängsten teilhaben lässt. Dass du sie uns anvertraust und dir sicher bist, dass sie bei uns gut aufgehoben sind. Ich fühle mich dadurch wirklich beschenkt.

    Als ich am Vorlesetag des letzten Biografiekurses im Hirschli war, ist mir das auch so gegangen. So interessante Menschen teilten dort ihre zum Teil wirklich schweren Lebensgeschichten mit uns Zuhörern. Und es tat ihnen und uns gut. Ich sass nachher im Zug. Völlig erfüllt von diesem Vertrauen. Voller Wärme und Licht.
    Ich habe mir dann vorgestellt, wie unsere Welt wohl aussehen würde, wenn wir diese Verletzlichkeit mehr leben würden. Wenn wir alle die Schutzwände abbauen würden und zeigen würden, was uns bewegt, beängstigt, beschäftigt. Klar, wir wären empfindlicher, angreifbarer, aber wir würden soviel mehr fühlen!
    Und das Gegenüber würde vielleicht merken, wie weh uns seine Achtlosigkeit oder seine Rücksichtslosigkeit tut, weil wir es nicht hinter einer schlagkräftigen Antwort verstecken würden. Und auch es erhielte dadurch die Möglichkeit, mehr zu spüren. Vielleicht würden wir uns dann leichter in alle Menschen hineinversetzten, mit ihnen fühlen, uns mit ihnen verbinden. Und es gäbe allgemein mehr Respekt gegenüber allen Formen menschlicher Vielfältigkeit.
    Auf dieser Zugfahrt im letzten Herbst habe ich mir das für mich vorgenommen. Empfindsamer und auch empfindlicher zu sein. Weil es eine Bereicherung ist, auch wenn es manchmal mehr weh tut. Es ist ein langsamer Prozess. Zu gern reagiert man jedes Mal wie schon unzählige Male vorher. Aber es ist mir auch schon gelungen, ohne gleichzeitige Anklage und Schuldzuweisung zu sagen, dass mich dieses Verhalten jetzt wirklich traurig gemacht hat. Und die Reaktion darauf war erstmals eine völlig andere.

    Darum Danke für deine Empfindsamkeit. Es ist recht spannend, dass jede Diskussion, die zwangsläufig dauernd über diese besondere Situation geführt wird, so eine Bandbreite von Gefühlen beinhaltet. Und es ist manchmal fast unglaublich, dass diese Lage uns auch das Glück besonders spüren lässt. Das Glück von Blumen im Garten, Sonnenstrahlen, Postkarten im Briefkasten. Aber auch tolle Gespräche, liebe Gesten, die Energie von Musik. All das fühlen wir mehr, weil wir von anderem weniger bekommen. Und ich bin fasziniert davon, wie viel Kreativität das auch auslöst. Wie viele Menschen andere Wege suchen, ihren Job zu machen, mit Menschen in Kontakt zu kommen, sich zu beschäftigen, die gute Laune nicht zu verlieren.

    Ich finde es auch schwieriger, positiv zu bleiben, wenn die Tage kürzer werden, die Dunkelheit immer früher kommt und das Jahr zu Ende geht. Im Frühling war das einfacher.
    Aber ist ist mir auch in anderen Novembern (ohne dieses Virus) schon so gegangen. Gegen Ende des Jahres bin ich meistens etwas müde und vielleicht auch schnellerer traurig, aber ich denke, dass darf man nach einem ereignisreichen Jahr auch sein. Und diese Jahreszeit ist doch auch dazu da, sich in sich selbst zurückzuziehen und auszuruhen. Mir helfen immer Kerzen. Wenn es dunkel wird, zünde ich Kerzen an. Ihr warmes Licht tut mir gut.
    Es ist anspruchsvoller, sich selbst zu beschäftigen. Ohne Chilbis, Weihnachtsmärkte, Theaterstücke, Konzerte. Aber mit etwas Einfallsreichtum könnte man ja auch selbst abends einen Fackelspaziergang machen, im Wohnzimmer eine Filmvorführung mit Popcorn zu veranstalten, im Garten am Lagerfeuer Glühwein trinken oder sich selbst dran freuen, anderen mit kleinen Dingen eine Freunde zu machen. Es ist anders, aber auch möglich.

    Euer bewusstes Musikhören ist auch eine tolle Möglichkeit. Finde ich eine echt gute Idee. Werde ich sehr gerne übernehmen. Und vielleicht ganz allein dazu tanzen. Das macht auch glücklich.

    Liebe Rosmarie. Wir werden in Kontakt bleiben. Uns uns weiter auf die eine oder andere Art Mut und Freude machen. Und unsere Gedanken und Gefühle teilen. Weil wir alle das so dringend brauchen.
    Bleibt bitte weiterhin gesund und einfallsreich.

    Ganz viele liebe Grüsse. Veronika

  6. Petra Bitterli

    Liebe Rosemarie

    Vielen Dank für diesen wertvollen Blogbeitrag!
    Musik durfte Jahre lang keine Rolle mehr spielen in meinem Leben. Nach dem Lesen deines Blogs habe ich mich heute hingesetzt und wieder einmal „Le sacre du printemps“ von Stravinsky und Schuberts Symphony No. 9 gehört. Letztere habe ich mit Harnoncourt in Graz als 17-Jährige gehört und es hat mich damals zu Tränen gerührt.
    Heute hat die Musik gut getan. Ich fühle mich gerade sehr einsam – nein, vielleicht nicht einsam. Aber die Sehnsucht nach Menschen ist gross. Ich würde mich so gerne mitten in den Zürcher Hauptbahnhof stellen und angerempelt werden, Menschen riechen, spüren, hören. Ich habe versucht, meine Sehnsucht in Worte zu fassen:
    Sehnsucht

    ich will mich
    verweben
    mit euch

    dass sich unsere
    gedanken
    umschlingen

    dass mein lachen
    untergeht
    in eurem

    dass sich unsere
    gerüche
    vereinen

    dass sich unser
    schweigen
    umfliesst

    ich will mich an
    euch
    reiben

    will wörter
    fechten mit
    euch

    will schulter
    an schulter
    singen

    will mich neu
    entdecken mit
    euch

    ich will mich
    endlich
    wieder verweben
    mit euch

    Schön, können wir wenigstens so in Kontakt bleiben!
    Ich wünsche dir viele schöne, reiche, herzöffnende Kontakte in alle Welt, die diese Zeit erträglicher machen!
    Und ich wünsche euch viel Gesundheit!
    Herzlichst
    Petra

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