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Sandra

Heute konnten wir seit längerem wieder einmal unser Ritual pflegen und zu unserem Bänkli gehen. Ich musste eine 4-wöchige Pause einlegen, weil ich auf idiotische Art und Weise den kleinen Zeh gebrochen hatte. Eingipsen kann man einen solchen kleinen Zeh nicht, aber ich habe einen Spezialschuh bekommen, damit der kleine Knochen in Ruhe wieder zusammenwachsen kann. Man muss halt immer flexibel bleiben und auch ein tägliches Ritual kurzfristig oder längerfristig ändern und anpassen.

Heute ist wechselhaftes Wetter, aber nicht unangenehm. Ich sitze auf der Terrasse und sehe dem Wolkenspiel zu. Die Wolken ziehen ziemlich schnell. Mal kommt die Sonne und mal ist sie wieder weg. Mal ziehe ich meine Jacke aus und mal ziehe ich sie wieder an. Auf jeden Fall kann ich am Nachmittag draussen sitzen. Das war an den heissen Tagen nicht möglich. Ich vertrage die Hitze nicht so gut. Jetzt weht ein zarter Wind, fährt mir durch die Haare. Wenigstens darf der Wind einem noch näher als 1,5 Meter kommen. Er vertreibe ja die Corona-Viren.

Ich habe mich sehr gefreut über alle mündlichen und schriftlichen Gedanken zu meinem letzten 50. Blog. Dort hatte ich ja auch das Buch «Bob der Streuner» von James Bowen empfohlen. James hat unter anderem eine britische Strassenzeitung «The Big Issue» verkauft, um sich über Wasser zu halten. Ich kaufe selber auch immer das schweizerische Strassenmagazin «Surprise». Es ist eine solch wichtige Sache und gibt eine gute Möglichkeit mit Menschen in Kontakt zu treten, die es im Leben gar nicht einfach haben.

Vor kurzem war ich mit den Claro-Fairtrade-Frauen von Möriken in Zürich und haben einen sozialen Stadtrundgang gemacht, der von Surprise angeboten wird. Wir haben eine Frauenarmutstour gebucht und wurden von der Expertin Sandra Brühlmann geführt. Es ging uns allen unter die Haut. Es hat bestimmt eine sehr lange Vorbereitungszeit gebraucht bis Sandra Brühlmann ihre Geschichte so offen erzählen kann. Sie zeigte uns auch die Orte, wo sie als obdachlose Frau draussen gelebt hatte. Später hatte sie Kontakt zur Einrichtung «Suneboge» und bekam dort ein Zimmer. Jetzt hat sie nach längerer Zeit wieder eine eigene Wohnung. Auch jetzt gehe sie noch jeden Tag um acht ins Bett, nur um das Bett zu ehren.

Wir haben auch den Suneboge nur von aussen gesehen. Wegen Corona ist wahrscheinlich auch alles ein wenig anders, damit die Distanzregeln eingehalten werden können. Aber vor dem Suneboge haben wir noch Mirjam Spring, Projektleiterin Gassentierarzt, kennengelernt. Viele obdachlose Menschen haben Tiere, vor allem Hunde, die sie über alles lieben, für die sie aber nicht gut sorgen können. Sie können teilweise das Futter und die Tierarztrechnungen nicht bezahlen. Deshalb ist dieses Projekt ins Leben gerufen worden, damit es auch den Tieren gut geht. Mirjam Spring kann viele Geschichten erzählen und hatte früher auch engen Kontakt mit Pfarrer Sieber.

Ich kann solche sozialen Stadtrundgänge von Surprise nur empfehlen. Es gibt sie in Zürich, Basel und Bern und mit Stadtführerinnen und Stadtführern. Im Sozialwerk «Hope» in Baden soll es bald ein Projekt Gassentierarzt geben, und dort gibt es auch verschiedene Kontaktmöglichkeiten. Es würde mich sehr interessieren, ob ihr das Strassenmagazin «Surprise» auch schon gekauft habt.

Sandra Brühlmann hat mich beeindruckt, und zwar schon von Anfang an, als sie uns begrüsst hat. Die Hände schütteln durfte man ja nicht. Sie wollte aber von jeder Frau den Namen wissen, hat uns in die Augen geschaut und den Namen gesagt. Das ist es doch Mensch-Sein, einander in die Augen schauen und den Namen sagen.